Wer sich in diesen Zeiten Hoffnung wünscht, findet sie im Programm der Woche der Religionen. Während weltweit Konflikte und Polarisierungen zunehmen, zeigen die Veranstaltungen vom 8. bis 16. November 2025: Dialog und Zusammenarbeit sind möglich – trotz aller Spannungen. Rund 100 Anlässe in der ganzen Schweiz machen sichtbar, wie Menschen Brücken schlagen, Verantwortung übernehmen und gemeinsam für Frieden einstehen.
Zum Programm der Woche der Religionen 2025

Und es geht doch!» – das ist die Botschaft, die aus dem Programm spricht. Interreligiöse Arbeit ist hier und heute ein Akt des Widerstands gegen Hoffnungslosigkeit. Sie zeigt: Wir sind nicht machtlos. Menschen unterschiedlichster Herkunft und Überzeugung übernehmen Verantwortung und machen sichtbar, dass Zusammenleben geht – mit Mut, Kreativität und Vertrauen.
Über 20 lokale Teams mit Mitwirkenden aus rund zehn Religionen tragen das Programm – von offenen Gotteshäusern über musikalische, künstlerische und interkulturelle Begegnungen bis zu Diskussionen über aktuelle gesellschaftliche Fragen. Schon die Vorbereitung ist gelebter Dialog: Vertreter:innen verschiedener Gemeinschaften sitzen monatelang zusammen, entwickeln Ideen und schaffen so Netzwerke, die weit über die Woche hinaus Bestand haben.
Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt
In diesem Jahr prägt der Nahostkonflikt viele Veranstaltungen der Woche der Religionen. Dabei geht es nicht um politische Stellungnahmen, sondern um die Stimmen von Menschen, die Gewalt, Angst und Perspektivlosigkeit erleben – und trotzdem Wege suchen, für den Frieden einzustehen.
In Luzern berichtet die palästinensische Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser, was Menschen trotz erlebter Ungerechtigkeit dazu bewegt, sich für den Frieden einzusetzen. In Basel bringt das Tanztheater «Ich bin da, trotzdem – hörst du?» die Erfahrungen kollektiver Traumata in arabischer, deutscher und hebräischer Sprache auf die Bühne und fragt nach Wegen der Wiederverbindung. Mit «Gemeinsam sichtbar» zeigen jüdische und muslimische Organisationen in Basel, dass ihr vielfältiges Leben weit mehr ist als Konflikt und Polarisierung. In Zürich lädt der interaktive Anlass «Frieden aus dem Glauben – Gewaltfreiheit aus religiöser Perspektive» zu Inputs und Gesprächen darüber ein, wie verschiedene Glaubensrichtungen Gewaltfreiheit begründen und fördern können. Und in Zug reflektieren Theolog:innen, wie der 7. Oktober 2023 aus religiöser Perspektive gedeutet werden kann.
Auch in Bern steht der gesellschaftliche Zusammenhalt im Fokus – auch vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts. So wird etwa in der IKRE-Moschee über «Zusammenhalt» in Heiligen Schriften und Gegenwart reflektiert, in Synagoge und Shiva-Tempel unter dem Titel «Zusammen-Halten» über Ausgrenzung, Zivilcourage und gemeinsames religiöses Handeln diskutiert und in der Heiliggeistkirche unter dem Titel «Kollektive Beheimatung» mit Literatur, Musik und Spiel über Zugehörigkeit nachgedacht.
So unterschiedlich diese Veranstaltungen sind, so deutlich wird ein gemeinsames Thema: Resilienz. Menschen verschiedener Religionen und Kulturen teilen, wie sie mit Schmerz, Angst und Fremdheit umgehen – und wie gerade das gemeinsame Teilen solcher Erfahrungen zu Kraft, Solidarität und Friedenswillen führen kann.
Frieden ist keine Selbstverständlichkeit
Der religiöse Frieden in der Schweiz ist keine Selbstverständlichkeit. Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus haben in den letzten Jahren zugenommen. Die Woche der Religionen zeigt eine andere Realität: Menschen unterschiedlichster Herkunft und Überzeugung kommen zusammen, feiern, diskutieren, essen, singen und beten miteinander.
«Der religiöse Frieden ist ein wertvolles Gut, das immer wieder neu ausgehandelt werden muss», sagt Katja Joho, Geschäftsführerin von IRAS COTIS. «Die Woche der Religionen macht sichtbar, dass Dialog nicht nur Theorie ist, sondern konkrete Praxis – getragen von unzähligen Menschen in der ganzen Schweiz.»
Vielfalt als Ressource
Die Woche lebt von der Vielfalt ihrer Formate. Ob Friedensgebete, künstlerische Abende, Debatten zu gesellschaftlichen Fragen oder gemeinsames Essen – die Veranstaltungen machen deutlich, dass Religion und Weltanschauung mehr sind als Dogmen. Sie sind Quellen von Inspiration, Kritik, Hoffnung und Gemeinschaft.
In Zürich laden unter anderem ein interreligiöser Spieleabend für junge Menschen unter 30, ein Workshop zu Achtsamkeit im Christentum und Islam, eine Neuinszenierung des indischen Epos Mahabharata sowie ein Anlass zu Humor und Religion zu Begegnung, Austausch und neuen Perspektiven ein. In Stans kommen Menschen beim Friedensgebet «Sehnsucht nach Frieden» zusammen, um im Beten, Singen, Musizieren und Essen ihre Hoffnung zu teilen. In Kreuzlingen eröffnet ein Vortragsabend über die frühchristliche «Ökumene» in Nordafrika neue Perspektiven darauf, wie Zusammenleben zwischen Religionen schon vor Jahrhunderten gestaltet wurde – und welche Anregungen sich daraus für heute gewinnen lassen.
In Weinfelden wird im Rahmen einer Podiumsdiskussion die Stellung des Islams in unserer Gesellschaft thematisiert. Die Veranstaltung knüpft an lokale Debatten an und schafft einen Raum, in dem Fragen offen gestellt und Perspektiven nebeneinander sichtbar werden. Und in Schaffhausen fragt das Kulturlabor, wie Religion Sprache, Kultur und Alltag prägt – und wie umgekehrt die Gesellschaft religiöse Traditionen verändert.
Diese Vielfalt zeigt: Es geht nicht darum, Unterschiede zu überdecken, sondern sie sichtbar und verhandelbar zu machen. Die Woche schafft Räume, in denen gefragt werden darf: Was trennt uns? Was verbindet uns? Und wie können wir trotz Differenzen Vertrauen wachsen lassen?
Teil einer internationalen Bewegung
Frauen stehen an verschiedenen Orten im Rampenlicht: Bedeutende Denkerinnen und die Grundzüge ihrer Religionsphilosophien werden in Basel vorgestellt und ein muslimisch-christlicher Frauenabend unter dem Titel «Friede beginnt in mir» steht in Luzern auf dem Programm. Ist Gott auch weiblich? In Winterthur erfahren Besucher:innen mehr über feminine Aspekte des Göttlichen und ihre zentrale Bedeutung in der hinduistischen Philosophie. Frauen in den Religionen haben in Zürich ein temporäres Monument: den «Katharinen-Turm». Vier Frauen sprechen über wirkmächtige Frauen in ihren Religionstraditionen und erläutern, wie sie das Gespräch über frauenspezifische Themen in ihrer Tradition erleben.
Gemeinsam unterwegs
Die Schweiz war 2007 eines der ersten Länder Europas, das eine nationale Woche der Religionen einführte. Ein Jahr später folgte Grossbritannien mit seiner «Interfaith Week». Unterschiedlich in ihrer Geschichte – in der Schweiz eine Initiative der Religionsgemeinschaften, in Grossbritannien eine Antwort der Regierung auf gesellschaftliche Spannungen – verfolgen beide Wochen dasselbe Ziel: zu zeigen, dass ein friedliches Zusammenleben über religiöse und weltanschauliche Grenzen hinweg möglich ist.
Heute finden in beiden Ländern hunderte Veranstaltungen statt. Dass solche Wochen unabhängig voneinander entstanden sind, macht deutlich: Der Wunsch nach Dialog ist keine Randerscheinung, sondern Teil einer weltweiten Bewegung – und ein starkes Signal der Hoffnung in einer polarisierten Welt.
Über die Woche der Religionen
Die «Woche der Religionen» findet bereits zum 19. Mal statt. Die Veranstaltungsreihe in der zweiten Novemberwoche ist als Plattform des interreligiösen Dialogs und der kulturellen Begegnung in der Schweiz fest verwurzelt. Urheberin und Koordinatorin der Woche der Religionen ist die Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft der Schweiz IRAS COTIS. Sie trifft die Vorbereitungen so, dass der Veranstaltungszyklus im Sinne der beteiligten Gemeinschaften realisiert werden kann
